Deutsches Schiffahrtsmuseum

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Mitsegeln auf der Grönland

 

Die Grönland als Botschafterin in Berlin

 

Die Grundsanierung 2004/05

Photo: Die
			Grönland in der Werft

Nahezu 30 Jahre Segelbetrieb unter der Flagge des Deutschen Schiffahrtsmuseums bedeuteten für die GRÖNLAND selbstverständlich nicht nur 30 Jahre weitere Alterung des Schiffes sondern auch 30 Jahre betriebsbedingter Verschleiß. Als bei der für das Jahr 2003 geplanten Norwegenreise der GRÖNLAND wenige Tage nach dem Auslaufen aus Bremerhaven der Großbaum des Schiffes brach und die Reise konsequenterweise abgebrochen werden musste, schien die Zeit zunächst reif für eine detaillierte Zustandsaufnahme.

Photo: Die
			Sanierung der Grönland

Bereits eine erste Begutachtung des Schiffes ergab, dass neben dem gebrochenen Großbaum so viel altersbedingter Verschleiß des Schiffskörpers vorlag, dass dieser nicht durch eine schnelle Reparatur beseitigt werden konnte. Dies galt umsomehr, als es bei der GRÖNLAND als Museumsschiff nicht darum gehen konnte, das Schiff für einen begrenzten Zeitraum seefähig zu halten, sondern jede Reparatur darauf zielen muss, das Schiff dauerhaft zu erhalten und in Fahrt zu halten. Um ein verläßliches Schadensbild zu erhalten, wurde die GRÖNLAND daraufhin bei den Motorenwerken Bremerhaven MWB AG eingedockt und einer sorgfältigen Begutachtung unterzogen. Obwohl es sich ausschließlich um normalen Verschleiß eines Schiffes aus dem lebenden Baustoff Holz handelte, stand schnell fest, dass es sich nicht um eine Reparatur, sondern eine Grundsanierung des Schiffes der Ersten Deutschen Polarexpedition handeln würde.

Photo: Die
			Sanierung der Grönland

Das Museum und die ehrenamtliche Crew des Schiffes standen damit nicht nur vor zwei zunächst scheinbar schier unlösbaren Aufgaben, sondern zugleich vor einer großen Chance. Einerseits galt es eine Finanzierung für die Grundsanierung zu sichern und andererseits eine Werft zu finden, die sowohl über das handwerkliche Know-how wie auch das erforderliche Holz in den notwendigen Dimensionen und der geforderten Qualität verfügte. Die Chance, die sich zugleich auftat, war die GRÖNLAND noch weiter, als dies bisher bereits der Fall war, dem Bau- und Ausrüstungszustand des Jahres ihrer Expedition (1868) annähern zu können und den langfristigen Erhalt des Ersten Deutschen Polarforschungsschiffes zu sichern.

Photo: Die
			Sanierung der Grönland

Anfragen und Vorgespräche mit Werften längs der gesamten deutschen Küste sowie im benachbarten Ausland zeigten schnell, dass nur weniger als eine handvoll Werften für die anspruchsvollen Arbeiten in Frage kommen würden. Die Wahl fiel schließlich auf die Bültjer Werft in Ditzum an der Unterems. Der mehr als einhundertjährige Familienbetrieb gehört zu den letzten Holzschiffswerften, die nicht nur über Know-how für den Bootsbau, sondern auch für den eigentlichen Schiffbau mit dem Material Holz verfügen. Darüber hinaus verfügt die Werft in Ditzum über eine Slipanlage und Schiffbauhalle, die es problemlos erlauben die GRÖNLAND an Land zu nehmen, und konnte vor allem aus eigenen Beständen abgelagertes Holz der entsprechenden Qualitäten und Dimensionen bereitstellen.

Ende März 2004 waren die Verhandlungen mit den Motorenwerken Bremerhaven und der Bültjer Werft sowie die Sicherung der Finanzierung soweit fortgeschritten, dass die GRÖNLAND zur Werft an die Ems versegeln konnte. Die Reise erfolgte nicht über See sondern via Hunte, Küsten-Kanal und Ems, da der Mast vor der Überführung in Bremerhaven gezogen wurde, um das Schiff bereits in seinem Heimathafen möglichst weit für die Werftzeit vorzubereiten. Obwohl der Auftrag für die Werft sich schließlich zu einem mehrseitigen Dokument mit einer Unzahl an Einzelpositionen entwickelt hatte, stand bereits bei Beginn der Arbeiten fest, dass im Verlauf der Arbeiten mit großer Wahrscheinlichkeit sich weitere Schäden zeigen würden, die erst nach der teilweisen Demontage des Schiffes erkennbar würden. Darüber hinaus kamen die Crew und das Museum überein, die Zeit der Grundsanierung zu nutzen, um weitere Arbeiten auszuführen, die zwar noch nicht absolut zwingend zu dieser Zeit erforderlich waren, für die jetzt jedoch so gute Arbeitsmöglichkeiten bestanden, wie sie sich in den nächsten Jahren nie wieder ergeben werden. So wurde zum Beispiel in ehrenamtlicher Arbeit die gesamte Elektrik dem Stand moderner Sicherheitserfordernisse angepasst oder die Welle gezogen und die Lager getauscht.

Photo: Die
			Sanierung der Grönland

Wenige Wochen nach dem Aufslippen des Schiffes und der endgültigen Auftragserteilung sah die GRÖNLAND zunächst so aus, dass unbefangene Laien hätten vermuten können, das Schiff sollte vollständig in seine Einzelteile zerlegt werden und würde nie wieder auf Fahrt gehen. Kettensägen und Müllcontainer dominierten das Bild. Im Laufe dieser Demontage zeigten sich zwar einige bislang unerkannte Bereiche, in denen das Holz so schlecht im Zustand war, dass es nicht wieder eingebaut werden konnte, doch insgesamt entsprach das jetzt im Detail erkennbare Schadensbild der vorausgegangenen Einschätzung.

Während die Mitarbeiter der Bültjer Werft begannen die beschädigten Spanten und Planken auszutauschen, arbeitete die ehrenamtliche Crew zunächst vor allem an Elektrik und Maschinenanlage des Schiffes. Hieraus ergab sich innerhalb kürzester Zeit eine intensive Zusammenarbeit zwischen Werft und Besatzung, die dafür sorgte, dass letztlich eine Vielzahl von zusätzlichen Arbeiten ausgeführt werden konnten, von deren Realisierung zunächst niemand zu träumen gewagt hätte. Möglich war dies vor allem dadurch, dass die Crew unter der Anleitung der Werft Hilfsarbeiten im Bereich des Holzschiffbaus übernahm und die Werft somit zusätzliche Freiräume innerhalb des Auftragsvolumens für Aufgaben erhielt, die das Know-how der gelernten Holzschiffbauer erforderten.

Photo: Die
			Sanierung der Grönland

Ohne an dieser Stelle alle durchgeführten Arbeiten aufzählen zu wollen, sollen doch einige besonders bedeutende Arbeiten gewürdigt werden:

Das Deck der GRÖNLAND war im Laufe der Jahre nicht nur an einigen Stellen undicht geworden, sondern hatte sich zusätzlich so weit verformt, dass sich dauerhafte Pfützen an Bord bildeten und kein vollständige Wasserablauf mehr erfolgte. Das Schiff hatte sich gesetzt und Bucht sowie Sprung waren verloren gegangen. Anstatt jetzt einfach nur ein neues Deck zu verlegen, war es erforderlich zunächst Bucht und Sprung zu rekonstruieren und dem Schiff damit seine ursprüngliche Form zurückzugeben. Um dies zu erreichen wurden sämtliche Decksbalken aufgedoppelt und mittels dieser Dopplungen die ursprüngliche Form des Decks wieder hergestellt. Getreu der über der gesamten Restaurierung stehenden Maxime, so viele Arbeiten wie möglich in traditioneller Arbeitstechnik und mit althergebrachten Materialien auszuführen, roch es in der Schiffbauhalle darauf für Tage nach Teer. Die Nähte des Decks wurden nicht mit modernen Chemieprodukten abgedichtet, sondern klassisch kalfatert.

Photo: Die
			Sanierung der Grönland

Genau diese Details waren es, die die Grundsanierung der GRÖNLAND von den meisten anderen Sanierungen von Traditionsschiffen der letzten Jahre unterschied. So wurden die Rüsteisen, die bislang aus einfachen Vierkant-Stahlprofilen bestanden, nicht einfach gegen ebensolche ausgetauscht, sondern diese zuvor aus Flachhalbrund-Profilen mit Hand ausgeschmiedet. Rund 30 Jahre nachdem das Rigg der GRÖNLAND erstmalig rekonstruiert wurde, besitzen die Rüsteisen nach der Grundsanierung des Jahres 2004/05 somit erstmalig die Form, die sie zur Zeit der Ersten Deutschen Nordpolarexpedition gehabt haben dürften.

Ebenso wurde das achtere Deckshaus verkleinert und damit seiner Form des Jahres 1868 angenähert. Der Grundriß des bislang dort stehenden Deckshauses war während sämtlicher vorangegangenen Restaurierungsarbeiten unverändert derjenige des Ruderhauses aus der letzten Zeit des aktiven Einsatzes unter norwegischer Flagge geblieben. Erst die Neuverlegung des Decks und die Arbeiten an den Decksbalken boten die Chance, auch hier sich weiter dem Bauzustand des Jahres 1868 zu nähern.

Photo: Die
			Sanierung der Grönland

Die Liste der Arbeiten ließe sich noch nahezu unendlich verlängern. Nur das unermüdliche Engagement von Werft, Crew und einzelnen Mitarbeitern des Museums sorgte schließlich dafür, dass im Februar des Jahres 2005 die Arbeiten soweit abgeschlossen werden konnten, dass die GRÖNLAND abgeslippt und nach Bremerhaven rücküberführt werden konnte. Zuvor galt es das Schiff dem Germanischen Lloyd für die Neuerteilung der Klasse vorzustellen. Wie zu erwarten war, wurde die Klasse ohne jede Bedenken oder Mängel erteilt und somit erfüllt die GRÖNLAND auch weiterhin nicht nur den Sicherheitsstandard für Traditionsschiffe unter deutscher Flagge, sondern auch den hohen schiffbaulichen Standard eines vom Germanischen Lloyd klassifizierten Schiffes.

Nach einer erfolgreichen Probefahrt auf der Unterems erfolgte die Rücküberführung der GRÖNLAND im März 2005, wobei wieder der Weg über die Ems, den Küsten-Kanal und die Hunte gewählt wurde. Beinahe genau ein Jahr nachdem das Schiff die Bremerhavener Kaiserschleuse mit Kurs auf Ditzum verlassen hatte, lief die GRÖNLAND am Abend des 12. März wieder in Bremerhaven ein. Ein großes Stück Arbeit war geschafft, doch die Grundsanierung auch nach Abschluß der eigentlichen Werftarbeiten noch nicht beendet. Der Mast mußte noch gestellt und das Schiff komplett aufgetakelt werden. Diese Arbeiten erfolgten wiederum durch die Crew in ehrenamtlicher Arbeit, wobei sie durch den Takler des Museums unterstützt wurde. Zusätzlich galt es, noch eine Vielzahl von Kleinarbeiten zu erledigen. So mußte nicht nur die Ausrüstung komplettiert werden, sondern auch die Innenausstattung wieder eingebaut und den veränderten Bedingungen angepaßt werden. Zum Beispiel wurde während der Werftzeit die Konstruktion der Innenwegerung konstruktiv verändert, um eine bessere Belüftung des Holzes beim Liegebetrieb des Schiffes zu erreichen. Als Konsequenz mußten jetzt in Bremerhaven im Bereich der Kojen noch deren Verkleidungen an die veränderten Bedingungen angepaßt werden. Ebenso mußten die gesamten Polster unter Deck ausgetauscht werden, um sicherzustellen, dass keine Schimmelsporen auf diesem Weg wieder an Bord gelangen konnten.

Aktualisierungen und Überprüfungen der Sicherheitsausrüstung vervollständigten die Arbeiten und gegen Ende April des Jahres 2005 konnte die Grundsanierung der GRÖNLAND endgültig abgeschlossen werden.

Photo: Die
			Sanierung der Grönland

Nach der rund einjährigen Sanierungsphase ist die GRÖNLAND dank der Arbeit von Werft, Crew und Museum nicht nur wieder in einem baulichen Zustand, der einen sicheren Schiffsbetrieb für die nächsten Jahrzehnte erwarten läßt, sondern dem Zustand des Jahres 1868 näher, als dies je zuvor in der Zeit unter der Flagge des Deutschen Schiffahrtsmuseums der Fall war. Das Schiff ist nicht nur eines der ältesten der noch segelnden historischen Wasserfahrzeuge in Europa, sondern seit dem Jahr 2005 mit Sicherheit auch eines der best restaurierten.

Als Koldewey zu Beginn des Jahres 1868 die Nordische Jagt von dem Schiffbauer Tollef Tollefssen erwarb, hatte er eine selten glückliche Hand - anders wäre es nicht zu erklären, dass die GRÖNLAND fast anderthalb Jahrhunderte später nicht nur noch in Fahrt ist, sondern auch mit einer Sanierung, die letztlich nur regulären Verschleiß des lebenden Baustoffes Holz kompensierte, einen solchen Zustand hat, dass das Schiff jederzeit erneut in polare Gewässer aufbrechen könnte.

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